Der letzte Tag
Frühling 2026, Wurzacher Ried, irgendwo zwischen Bohlensteg und Schicksal.
Brigitte hatte seit Wochen beobachtet, dass drei junge Sumpfohreulen tagsüber tief über dem Hochmoor jagten - was Sumpfohreulen zwar tun, aber nach Brigittes Einschätzung "in dieser Saison eindeutig zu tief und mit zu wenig Spannweite". "Die fallen mir doch ins Moor!" rief sie. Die Eulen hörten sie nicht, sie waren ja mit Jagen beschäftigt. Aber Brigitte hatte recht.
Am Morgen des 4. Mai verschätzte sich tatsächlich eine der Eulen beim Sturzflug an einer Birke und plumpste in eine Schlenke. Brigitte zögerte keine Sekunde. Sie sprang von ihrem zugewiesenen Bohlensteg ab, watete los, fischte die völlig konsternierte Eule heraus und setzte sie auf einen festen Hügel. Dann hörte sie die zweite plumpsen. Dann die dritte.
Drei Eulen später war Brigitte komplett durchnässt, vom Moorwasser umgeben, drei Kilometer vom Parkplatz entfernt und - was sie nicht wusste - bereits zu tief eingesunken, um problemlos umzukehren. Die Eulen schauten sie aus drei verschiedenen Richtungen an. Sie wirkten teilnahmslos.
Sie blieb stehen. Sie war hungrig. Sehr hungrig.
⚠️ Lieber Kinder: Niemals Pilze im Moor essen. Wirklich nie. Auch nicht halb. Auch nicht trockenrupfen und davon abbeißen, weil man hungrig ist und Pilzberaterin von Beruf war.
Was Brigitte fand, sah aus wie ein Sumpf-Schirmling, war aber ein Moor-Knollenblätterpilz - eine Art, die laut Brigittes eigenem Buch (Kapitel 7, unveröffentlicht) "theoretisch gar nicht existieren sollte, weil sie zu giftig wäre, um real zu sein". Brigitte aß ihn trotzdem. Sie wollte "nur einen kleinen Bissen, um sicher zu sein".
Sie war sich danach sehr sicher.
Etwa 40 Minuten später sank Brigitte langsam ins Torfmoos ein. Ihre letzten Worte, laut einem Forstarbeiter, der zufällig vorbeikam: "Sagt den Eulen... sie sind keine schlechten Jäger... sie sind nur... undankbar."
Das Moor schloss sich behutsam über ihr.
Es atmete einmal aus.
Dann war es wieder still.